Bericht von der 15. efas-Fachtagung „Geschlecht in der aktuellen Ungleichheitsdebatte“

Von Lisa Weinhold und Carla Wember.

Am 1. Dezember 2017 fand an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin die 15. Fachtagung des Ökonominnennetzwerks efas statt, dieses Jahr unter der Überschrift „Geschlecht in der aktuellen Ungleichheitsdebatte“. Die über 40 Teilnehmenden diskutierten angeregt über die Bedeutung, Vielfalt und Brisanz der Geschlechterforschung. Am Ende der eintägigen Veranstaltung stand einmal mehr die Feststellung: Ohne die Geschlechterforschung in der Ökonomie würden wichtige Aspekte der sozialen Realität unsichtbar bleiben und sich damit der öffentlichen Wahrnehmung und politischen Bearbeitung entziehen.
Nach einer Begrüßung durch den Vize-Präsidenten der HTW Berlin, Prof. Dr. Matthias Knaut, und Prof. Dr. Friederike Maier, Gründungsmitglied von efas, stellte Monika Queisser, Abteilungsleiterin für Sozialpolitik in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), in ihrer Keynote die Studie „The Pursuit of Gender Equality: an Uphill Battle“ vor. Sie zeigte auf, wie sehr sich Ungleichheiten am Arbeitsmarkt – aber auch bei der unbezahlten Arbeit – nach wie vor am Geschlecht festmachen lassen. Beispielsweise erhalten Frauen hierzulande im Schnitt 46 Prozent weniger Rente als Männer. Deutschland bildet damit das Schlusslicht aller OECD-Länder. Dabei leisten Frauen in Deutschland täglich 167 Minuten mehr unbezahlte Arbeit, beispielsweise im Pflegebereich. Auch von der Digitalisierung der Arbeitswelt sind Frauen infolge der Segregation auf dem Arbeitsmarkt auf spezifische Art und Weise betroffen.

Anschließend fand in drei Vorträgen zu unterschiedlichen Aspekten eine Annäherung an das Thema “Geschlecht in der aktuellen Ungleichheitsdebatte” statt. So referierte Dr. Christina Klenner, Wissenschaftlerin im Bereich Geschlechterforschung am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung, zur Fragestellung “Ungleichheit und Familie – Wer profitiert von Ansprüchen auf Arbeitszeitoptionen?“. Sie ging darin der Frage nach, wie soziale Ungleichheitskategorien von Klasse, Herkunft, Ethnie und Geschlecht sich auf das Zusammenspiel von Erwerbs- und Familienarbeit auswirken. Es wurde deutlich, wie komplex sich die Ausgestaltung von Arbeitszeitoptionen darstellt, und dass dies die spezifischen Ausprägungen des Widerspruchs zwischen familiären Sorgeverpflichtungen und Erwerbsarbeit prägt. Während in höheren Einkommensschichten Flexibilität durch formelle Arbeitszeitmodelle nur eingeschränkt möglich ist und sich eher Zeitsouveränität im Kleinen ergibt, bleibt diese Aushandlungsmacht unteren Einkommensschichten eher verwehrt. Dafür sind hier eher Arbeitszeitoptionen nutzbar. Dies weist auf eine notwendige Differenzierung von Steuerungsmöglichkeiten und Lösungsansätzen in der Ausgestaltung von Vereinbarkeit von Sorgeverpflichtungen und Erwerbsarbeit hin.

Prof. Dr. Margareta Kreimer (Universität Graz) widmete sich einem Teilaspekt von „Ungleichheit und Migration“. Sie thematisierte dabei den Einfluss von Geschlecht und Migrationshintergrund auf die Weitergabe des Bildungsstatus zwischen den Generationen. Erste Ergebnissen ihrer empirischen Untersuchung deuteten an, dass Herkunft einen entscheidenden Faktor in der Frage nach intergenerationeller sozialer Mobilität darstellt. Der Effekt ist jedoch nicht homogen, sondern unterscheidet sich nach der Generation, in der migriert wurde, nach Region und nach Herkunftsland.

Die dritte Referentin, Friederike Beier, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Gender and Diversity am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, setzte sich mit Gender im Bereich „Ungleichheit und Global Governance“ auseinander. Beiers konkreter Forschungsschwerpunkt lag auf der Vermessung von Ungleichheit und Geschlecht in den nachhaltigen Entwicklungszielen der UN, den SGDs. Besonders hob sie hervor, dass sich einige dieser Ziele hinsichtlich ihrer Effekte auf Geschlechtergerechtigkeit widersprechen, ja diese sogar negativ beeinflussen. Beier fokussierte ihre Analyse vor allem auf die Frage der sozialen Reproduktion, die, so ihre These, nur unzureichend berücksichtigt wird, wenn die Integration von Frauen in den formalen Arbeitsmarkt als zentrales Ziel gesetzt wird.

Außerdem präsentierten auch in diesem Jahr Wissenschaftlerinnen ihre derzeitigen Projekte im Forschungsforum, darunter auch Prof. Dr. Camille Logeay (HTW Berlin), die die Ergebnisse des Entgeltchecks unter Professor_innen an der HTW Berlin vorstellte. Es wurde untersucht, ob es Einkommensunterschiede bei den vier verschiedenen Leistungsbezügen der W2-Professuren an der HTW Berlin gibt, welche durch Geschlechtszugehörigkeit erklärt werden können. Hierbei bestätigte sich die Hypothese, dass transparente Antragsverfahren – insbesondere bei Leistungsbezügen – zu geringen oder nicht existenten Gender Pay Gaps führen. Gleichzeitig zeigte sich auch, dass bei weniger transparenten Verfahren, wie bei Berufungsverfahren, signifikante Gender Pay Gaps zu erwarten sind.

Franziska Dorn stellte mit einem Poster ihre Arbeit zu Auswirkungen unbezahlter Arbeit auf Erwerbstätigkeit in Mexiko vor. Mithilfe einer getrennten Betrachtung von Erwerbsmodellen von Frauen und Männern stellte sie die These auf, dass mit jeder zusätzlichen Stunde unbezahlter Arbeit, die von Frauen geleistet wird, die Wahrscheinlichkeit sinkt, für eine Erwerbsarbeit eingestellt zu werden. Bei Männern zeigt sich dieser Effekt nur geringfügig.

Der feierliche Programmpunkt galt auch in diesem Jahr der Verleihung des efas-Nachwuchsförderpreises in Erinnerung an Prof. Dr. Angela Fiedler für exzellente wirtschaftswissenschaftliche Abschlussarbeiten mit der Schwerpunktsetzung auf Frauen- und Geschlechterforschung. Die Preisträgerinnen des Jahres 2017 sind Carla Wember für ihre Masterarbeit „Potentials for Feminist Food Politics in Local Food Networks – The Case of Toronto“ und an Dr. Stefanie Seifert für ihre Dissertation zum Thema „Econometric Analysis of Gender Differences in the German Labor Market“. Beide werden ihre Arbeiten im kommenden Newsletter vorstellen. Ferner wurden die Ergebnisse der diesjährigen Umfrage unter efas-Mitgliedern präsentiert. Dabei wurde ersichtlich, dass die Mitglieder einen besonderen Wert auf die Vernetzung und den inhaltlichen Austausch innerhalb des Netzwerks legen.

Den Tagungsabschluss bildete ein Get-together mit Getränken und Buffet, das zu weiteren Diskussionen sowie zum Sammeln erster Ideen für die nächste efas-Fachtagung einlud. Herzlichen Dank an alle Teilnehmenden für die spannenden Impulse und Beiträge – wir freuen uns schon auf die nächste Tagung!