Bericht von der 17. efas-Fachtagung „Gestalten oder gestaltet werden? Perspektiven feministischer Ökonomie auf Digitalisierung“

Am 6. Dezember 2019 diskutierten die 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 17. efas-Fachtagung an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin zum Tagungsthema „Gestalten oder gestaltet werden? Perspektiven feministischer Ökonomie auf Digitalisierung“. Prof. Dr. Stefanie Molthagen-Schnöring (Vize-Präsidentin der HTW Berlin), und Prof. Dr. Friederike Maier (Gründungsmitglied von efas) begrüßten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf dem Campus Wilhelminenhof.

Dr. Britta Matthes (IAB) eröffnete den inhaltlichen Teil der Tagung mit dem Beitrag „Beseitigt die Digitalisierung die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung auf dem Arbeitsmarkt?”. Sie zeigte zunächst die Potenziale der Digitalisierung für den Arbeitsmarkt auf und diskutierte dann, wie diese die Geschlechterverhältnisse beeinflussen könnten. Im Mittelpunkt ihrer Analyse stand die Frage, inwieweit Tätigkeiten in den verschiedenen Berufen automatisierbar und damit substituierbar sind. Ihre Ergebnisse zeigen unter anderem: Im Jahr 2016 liegt der Anteil der Tätigkeiten, die schon heute potenziell von Computern erliegt werden könnten, bei sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen im Mittel bei 45 Prozent, bei Männern bei 53 Prozent. Erste Befunde weisen jedoch darauf hin, dass Substituierungspotenziale bei Frauen stärker genutzt werden als bei Männern.

Im zweiten Vortrag der Tagung referierten Dr. Tina Büchler und Gwendolin Mäder (Universität Bern) zum Thema „Erwerbsarbeit und Digitalisierung aus einer Geschlechterperspektive – Sozialwissenschaftliche Befunde aus dem Schweizer Einzelhandel“. Sie argumentierten, dass bei einem stark geschlechtssegregierten Arbeitsmarkt der Blick ins Detail nötig sei, um geschlechtsspezifische Auswirkungen der Digitalisierung zu beurteilen. Für den Schweizer Einzelhandel – der durch einen sehr hohen Frauenanteil gekennzeichnet ist –sind das Wachstum des Online-Handels sowie die zunehmende Nutzung von Self-Checkout-Kassen von besonderer Bedeutung. In explorativen Studien für die Bereiche Food und Textil kommen sie zu dem Ergebnis, dass die zunehmende Digitalisierung erstens zu höherem Druck (durch mehr und neue Aufgaben) und steigender Leistungskontrolle geführt hat. Zweitens hat sich der Kontakt zur Kundschaft verändert und ergibt ein widersprüchliches Bild: Beratung wird einerseits wichtiger, andererseits verliert der Kundenkontakt an Bedeutung.

Die folgende Postersession gab einen Überblick über die Breite des Tagungsthemas. Miriam Fahimi (Universität Wien) beschäftigte sich mit „Who Cares 4.0? Wandel betrieblicher Geschlechterordnungen in österreichischen Pflegeeinrichtungen“. Das Verhältnis zwischen digitaler Technologie und Arbeitsteilung vollzieht sich – so der Befund – komplex und widersprüchlich. Dr. Ute Kalender widmete sich dem Thema „Digitale Hausfrau, neue geschlechtliche eXistenzweisen oder Datenkolonialismus? Geschlecht und Digitalisierung aus postmarxistischer, queerer und dekolonialer Perspektive“. Hier ging es unter anderem darum, wie feministische Digitalbewegungen Geschlecht und Digitalisierung thematisieren und welche politischen Strategien die Initiativen kennzeichnen. Dr. Clemens Ohlert und Pauline Boos (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) präsentierten ihre Studie: „Auswirkungen der Digitalisierung auf Geschlechterungleichheiten – Eine empirische Untersuchung auf der Branchenebene“. Ihre Befunde zeigen, dass Männer eher in hoch digitalisierten Branchen und Betrieben arbeiten und der Gender Pay Gap in hoch digitalisierten Branchen höher ausfällt. Das Poster von Prof. Dr. Anna Riedel (HTW Berlin) widmete sich dem Thema „Gründerinnen in Berlin: Kristina Wilms und die Arya App“. Sie porträtierte die Gründerin einer App, die für Menschen mit Depressionen entwickelt wurde. Die Studie von Hannah Rotthaus (Universität Hamburg) trug den Titel „Schwangerschaftsverhütung im Kontext digitaler Selbstbeobachtung“. Die interviewten Akteur_innen bewegen sich in einem Spannungsfeld von Autonomiebestrebungen und sozio-kulturellen Anforderungen. Elisabeth Wiesnet (TU München) stellte schließlich „New Care Spaces‘ – ein gender- und diversity-sensibler Ansatz zu digitaler Teilhabe“ vor. Die in dem Projekt entwickelten New Care Spaces sollen zu einer partizipativen und gender-sensiblen Technikentwicklung insbesondere für ältere Menschen beitragen. In der anschließenden Mittagspause gab es die Möglichkeit, Ausschnitte des Comics „KI, wir müssen reden“ von Dr. Julia Schneider und Lena Kadriye Ziyal zu betrachten.

Den zweiten Vortragsblock, der von Dr. Sünne Andresen (HTW Berlin) moderiert wurde, eröffnete Prof. Dr. Katharina Simbeck (HTW Berlin) mit einem Vortrag zum Thema „Diskriminiert durch Künstliche Intelligenz – Messung von Fairness bei Anwendungen des maschinellen Lernens“. Der Fokus lag auf dem Einsatz von Analytics im Personalwesen und den damit verbundenen Herausforderungen. Ein großes Problem datengetriebener Analysen ist, dass diese die vorhandenen Muster in Daten reproduzieren – datenbasierte KI Systeme sind nicht objektiv, sondern sie reproduzieren Vorurteile und verstärken diese. Der Einsatz solcher Systeme im Human Resources Management erfordert daher einen kompetenten Umgang mit den genutzten Daten – die richtigen Fragestellungen müssen mit den richtigen Daten korrekt ausgewertet und interpretiert werden.

Im Anschluss stellten Dr. Edelgard Kutzner und Dr. Melanie Roski (TU Dortmund) die Frage „Wie verändern sich die Geschlechterverhältnisse im Betrieb durch digitalisierte Arbeit?“. Aus theoretischer Perspektive thematisierten sie zunächst die Verwobenheit von Geschlecht und Technik im Kontext der Arbeit. Im Anschluss präsentierten sie zwei qualitative Forschungsprojekte, die der Zukunft der industriellen Einfacharbeit und der Sachbearbeitung in Dienstleistung und Industrie aus Geschlechterperspektive nachgingen. In der Einfacharbeit bestehen – so das Ergebnis – geschlechterbezogene Stereotype bei der Arbeitsteilung fort; Digitalisierung ist auf bestimmte Branchen konzentriert; zu beobachten sind sowohl Aufwertungen als auch Abwertungen von Tätigkeiten. Im Bereich der Sachbearbeitung schafft Digitalisierung neue Möglichkeiten der datengestützten strategischen Steuerung sowie der Vernetzung und Kommunikation. Auch hier zeigen sich Auf- sowie Abwertungen von Tätigkeiten sowie eine Verdichtung der Arbeit.

Im dritten Vortragsblock, moderiert von Prof. Dr. Camille Logeay (HTW Berlin) präsentierte Prof. Dr. Jeannette Trenkmann „Soziale Absicherung in der Plattformökonomie – Chancen für selbständig erwerbstätige Frauen“. In Deutschland liegt der Frauenanteil an den Selbständigen bei etwa einem Drittel; bei den Solo-Selbständigen ist auch etwa ein Drittel weiblich – häufig im Zuerwerb. Plattformen vermitteln gegen eine Gebühr als Intermediäre zwischen Auftraggeber_innen und Arbeitnehmer_innen und nutzen Netzwerkeffekte. Sie sind in der Praxis sehr heterogen; klassifizieren lassen sie sich nach der Komplexität der Aufgaben und der Ortsgebundenheit. Gleichstellungspolitische Relevanz haben vor allem Plattformen, die soziale und haushaltsnahe Dienstleistungen vermitteln. Gekennzeichnet ist Plattformarbeit – so der Vortrag – oft durch prekäre Einkommen und fehlende soziale Sicherung. Insgesamt fehle es an Anreizen zur eigenständigen Mitgliedschaft in Sozialversicherungen, aber auch an Studien im Bereich der Plattformökonomie.

Prof. Dr. Aysel Yollu-Tok (HRW Berlin) stellte dann die Sachverständigenkommission für den Dritten Gleichstellungsbericht und ihre Themen vor – eines davon die Plattformökonomie. Im Anschluss referierte Prof. Dr. Hendrik Send (Hochschule Anhalt) zum Thema „Geschlechterdifferenzen bei der Plattformarbeit – Diskussion einer quantitativen Analyse“. Er stellte Ergebnisse einer Studie für die Plattform Helpling dar. Der Datensatz wurde mit Hilfe von Web-Scraping erstellt. Auf dieser Plattform für Reinigungskräfte sind zu knapp 60 Prozent Männer registriert. Im Ergebnis findet sich kein signifikanter Gender Pay Gap bei den angegebenen Reinigungspreisen. Den stärksten Effekt auf die Preise hat das Mietpreisniveau in der Region. Zudem wirkt sich die Anzahl schon durchgeführter Aufträge leicht auf den Preis aus. Abschließend stellte er heraus, dass Plattformen Gestaltungsräume für die Darstellung von Geschlecht hätten.

Neben den Schwerpunktvorträgen präsentierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Forschungsforum Erkenntnisse aus aktuellen Projekte, moderiert von Prof. Dr. Miriam Beblo. So stellte Lela Grießbach (Universität Siegen) ihr Konzept für eine Studie zum Thema „Die Bedeutung (un)ethischer Geschäftspraktiken für weibliche Unternehmerinnen in Georgien“ vor. Mit Hilfe von Interviews plant sie, ethisches und unethisches Verhalten von Unternehmerinnen in Georgien zu identifizieren. Luisa Hammer (Freie Universität Berlin) untersuchte in „Der Anstieg des Gender Pay Gaps über den Lebenszyklus: Welche Rolle spielen Teilzeitarbeit, Berufswahl und Kinder?“, inwieweit sich der Gender Pay Gap durch unterschiedliche Lebensereignisse erklären lässt. Ihre Arbeit bestätigt anhand von SOEP-Daten, dass nur Vollzeitarbeit, aber nicht Teilzeitarbeit zum Lohnwachstum beiträgt. Prof. Dr. Ulrike Knobloch (Universität Vechta) skizzierte die Idee einer Forschungsinstitution zum Thema „Plurale Feministische Ökonomie“. Sie fragt, inwieweit sich die vorliegenden Ansätze feministischer Wirtschaftstheorie anhand ihrer normativen Grundlagen systematisieren lassen und zeigt die zentralen Unterschiede zwischen orthodoxen und heterodoxen Denkschulen auf.

Wie in jedem Jahr rundete die feierliche Verleihung des efas-Nachwuchsförderpreises die Tagung ab. Die diesjährige Preisträgerin ist Dominique Just (CAU Kiel). Lilly Schön (HTW Berlin), die wieder für die Organisation der ganzen Tagung hauptverantwortlich war, leitete die Preisverleihung ein. Die Laudatio hielt Prof. Dr. Ulrike Knobloch (Universität Vechta). Dominique Just verbindet in ihrer Masterarbeit „Degrowth, Gender, and the Reorganisation of Work – An Analysis of Transformative Practices in Socio-Ecological Communities“ den Postwachstumsdiskurs mit der Feministischen Ökonomie und untersucht mithilfe der Praktischen Theorie die Verteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit. Hierfür hat sie in drei sozial-ökologischen Kommunen Interviews mit den Kommunenmitgliedern geführt. Ihre Arbeit stellt dar, inwieweit es in diesen Kommunen gelingt, die Geschlechterhierarchien bei Tätigkeiten zu überwinden. In der nächsten Ausgabe des efas-Newsletters wird Dominique Just die Gelegenheit haben, wichtige Aspekte ihrer Arbeit ausführlich vorzustellen.

Zum Abschluss der Tagung gab es bei einem gemeinsamen Restaurantbesuch die Möglichkeit zu weiteren Diskussionen und informellem Austausch. Die nächste efas-Tagung findet wie üblich am ersten Freitag im Dezembers des kommenden Jahres statt (4.12.2020).

Prof. Dr. Ulrike Knobloch (Universität Vechta) und Prof. Dr. Gesine Stephan (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)